„Die Kinder der toten Stadt“

Am Vorabend des Pavillons wurde die Verfilmung des Musikdramas gezeigt. Ein Blick hinter die Kulissen von Hans-Dieter Maienschein.

Dem Musikdrama „Die Kinder der toten Stadt“ liegen historische Ereignisse zu Grunde, die sich ereigneten, als eine Delegation des internationalen Roten Kreuzes im Juni 1944 das Ghetto besuchte, um sich davon zu überzeugen, „dass es den Bewohnern gut gehe“. Die SS inszenierte in monatelanger Vorbereitung ein perfektes Trugbild.

Neben dem Bau von Kaffeehäusern mit reich gedeckten Tischen, der Errichtung eines Musikpavillons und vielen anderen Inszenierungen wurden die Kinder gezwungen, die Oper „Brundibár“ aufzuführen. Kurz danach wurden fast alle Häftlinge, die an der Aufführung teilhatten, sowie das Filmteam, das sie für einen Propagandafilm aufzeichnete, in Auschwitz ermordet.

Das Projekt verfolgt in erster Linie den pädagogischen Ansatz, älteren Kindern und Jugendlichen einen intensiveren Zugang zum Thema Holocaust zu ermöglichen.

Durch das Medium Theater und dem Spiel der Darsteller werden damalige Geschehnisse lebendig und erhalten dadurch für Menschen aller Altersgruppen eine unfassbare, bedrückende und grausame Realität.

Eingebettet werden „Die Kinder der toten Stadt“ in eine eigens für das Stück komponierte Musik. Eine Hörspielfassung des Werks ist im Sommer 2018 bereits veröffentlicht worden. Das Werk wird somit – so auch die Schirmherrin Iris Berben – zu einem eindringlichen und einfordernden Theaterstück, das an keiner Stelle unterhalten will, sondern stets an die Grausamkeiten erinnert, die niemals vergessen werden dürfen. Es fordert aber auch unentwegt dazu auf, das Grausame aus unserer Welt zu verbannen. 

Als dem Papageno Musiktheater im Jahr 2018 das Stück vorgestellt wurde, war mir schnell klar, dass sich diese Produktion von allen anderen, im Papageno Musiktheater bisher auf die Bühne gebrachten Stücken, unterscheiden würde – und doch hervorragend in die typische Papageno-Manier, der Kunst- und Kulturvermittlung an Kinder und Jugendliche, hineinpasst. 

Das Stück vermittelt historische Begebenheiten auf kunstvolle Art, indem es die grausame Thematik der Shoah in eine musicalhafte Form bringt und damit den tausenden Opfern ein Gesicht verleiht. Eingerahmt in moderne Musik wird so ein Bogen zu den modernen Sehgewohnheiten von Jugendlichen geschlagen, der die Thematik auf einer anderen emotionalen Ebene greifbar macht, als er reine Vorträge im Geschichtsunterricht vermögen. 

Für die Inszenierung beschritt ich neue Wege, indem ich die Regie erstmals zusammen mit meinem Sohn Niklas führte. Inzwischen ist diese familiäre Kooperation als eine bewährte Symbiose etabliert. 

Dass der Großteil der Rollen von tatsächlichen Jugendlichen dargestellt wird, stellte ebenfalls ein Novum für das Papageno Musiktheater dar. Hierdurch wurde die Authentizität der Rollen weiter vertieft und für die überwiegend jungen Zuschauer:innen greifbarer. 

Organisatorisch brachte diese Tatsache jedoch eine Vielzahl neuer Herausforderungen mit sich. So wurde rund ein halbes Jahr vor der Premiere ein Kinder-Casting durchgeführt, bei dem sich Dutzende Bewerber:innen jungen Alters im Theater einfanden und für die Rollen vorsprachen und -sangen. Insbesondere die Solistenrollen setzen ein hohes Maß an darstellerischem und gesanglichem Können voraus. Doch auch der rund zwanzigköpfige Kinderchor, der durchgehend auf der Bühne anwesend ist, hat musikalisch anspruchsvolle Partien in teils sechsstimmigen Chorsätzen zu meistern. 

Als tatkräftige Unterstützerin verstärkte Karina Schwarz das Creative-Team. Als erfahrene Sängerin und Chorleiterin des Kinderchors der Frankfurter Oper verfügte sie nicht nur über die nötige Erfahrung in der Leitung von Kinderchören sondern hatte gleichzeitig auch die Möglichkeit, interessierte Sänger:innen aus dem Kinderchor der Frankfurter Oper in das Projekt einzubinden. 

Die Uraufführung im April 2019 fand unter großer Aufmerksamkeit der Presse statt. 

Zur Premiere, die unter der Schirmherrschaft des Antisemitismusbeauftragen der Hessischen Landes-regierung Uwe Becker sowie der bekannten Schauspielerin Iris Berben stattfand, kamen Pressevertreter:innen aus Print, Hörfunk und Fernsehen. Sogar eine Live- Schaltung des Hessischen Rundfunks wurde durchgeführt. 

Unter den zahlreichen Ehrengästen waren auch mehrere Zeitzuginnen des Holocaust – so z. B. Edith Erbrich, die selbst als Kind in das Ghetto Theresienstadt deportier wurde und nur knapp überlebt hatte, Liesel Binzer oder die bekannte Autorin Eva Szepesi, die bis heute unermüdlich auf Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet über ihre grausamen Erlebnisse im Vernichtungslager Auschwitz berichtet. 

Die Proben erstreckten sich über einen Zeitraum von sechs Monaten und forderten viel von allen, teils jungen, Beteiligten. Das Resultat wurde von Zuschauer:innen wie Presse hoch gelobt. Schirmherrin Iris Berben drückte den Darsteller:innen ihre Bewunderung aus und lobte die faszinierende Authentizität. 

Die Offenbach Post schrieb: „Ist ein musicalartiges Theaterspiel die richtige Form, um sich mit den Verbrechen der Nazis auseinanderzusetzen, mag man fragen. Die Antwort lautet „ja“! Weil die von Hans-Dieter und Niklas Maienschein inszenierte Geschichte, in der die Hauptrollen von Kindern und Jugendlichen besetzt sind, keine Distanz zulässt: Das Grauen ergreift Besitz vom Zuschauer. Damit gelingt, was Iris Berben vor Beginn der Aufführung eindringlich gefordert hatte. […] Dass diese 90 Minuten an Intensität kaum zu überbieten sind, ist auch der Verdienst eines starken Kinderchors und der sechs brillanten Hauptdarsteller.“ 

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „Das ist ein ernstes, schweres Thema, und tatsächlich möchte Intendant Hans-Dieter Maienschein sein Publikum mit diesem Stück nicht unterhalten, an dessen Uraufführung er sich als Regisseur – erstmals gemeinsam mit seinem Sohn Niklas – zum Glück und zu Recht gewagt hat. […] Filip Niewiadomski als Benjamin, Julian Winkelmann als Michael, Lia Winkelmann als Lisa und Frida Killmer in der Rolle der Dana verleihen den von ihnen dargestellten Kindern und Jugendlichen wunderbar und mitreißend Freude, Sehnsucht und Hoffnung.“ 

Und das Westfalen-Blatt schrieb: „Eine Viertelstunde lang spendete das Publikum stehend begeisterten Schlussapplaus, nachdem der Vorhang gefallen war. Begonnen hatte der ergreifende Theaterabend mit einer Laudatio der Schirmherrin Iris Berben. Ein reduziertes, Beklemmungen erzeugendes Bühnenbild, 25 zumeist junge Akteure und ein perfekt eingespieltes, intensiv musizierendes fünfköpfiges Kammermusikensemble: Es ist Hans-Dieter und Niklas Maienschein als Regie- Team gelungen, die Uraufführung des Stücks in ihrer Dramatik, ihrer musikalischen Brillanz und ihrer erzählerischen Klarheit zu einem hoch emotionalen Theaterereignis zu machen.“ 

Im Januar 2020 wurde die Produktion für weitere 4 Vorstellungen wiederaufgenommen. Inzwischen war die Nachfrage, insbesondere von Schulklassen, derart groß, dass die Zusatzvorstellungen innerhalb weniger Tage ausverkauft waren. 

Eine derart aufwändige Produktion lässt sich jedoch im Rahmen des restlichen Vorstellungsbetriebs nicht beliebig oft reproduzieren. Ideen, das Stück nach dem Ende der Corona-Pandemie erneut auf die Bühne zu bringen, mussten ad acta gelegt werden. Die überwiegend jungen Darsteller:innen waren inzwischen dem Spielalter entwachsen und studieren in unterschiedlichen Städten. 

Da diese Schwierigkeiten bereits von Anfang an abzusehen waren, wurde bereits in der ersten Vorstellungsreihe im Frühjahr 2019 eine professionelle Aufzeichnung der Produktion durch Screen Land Film angefertigt. 

Im September 2022 wurde die Aufzeichnung erstmals öffentlich im Jüdischen Museum vorgeführt. Eine weitere Vorführung fand im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum „Pavillon der Demokratie“ im Mai 2025 in Bergen statt. 

Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg hob die besondere Bedeutung des Werks und sein Potential bei der Sensibilisierung von Jugendlichen in Bezug auf das Thema Erinnerungskultur hervor. Eine stabile und wehrhafte Demokratie kann allein durch eine adäquate Aufarbeitung der Vergangenheit sowie die kontinuierliche Bereitschaft, Diversität und Weltoffenheit zu leben, fortbestehen.