Susanne Serke
Höchst, Ettinghausenplatz
Auf dem Ettinghausenplatz kommen Geschichte, Verantwortung und Zukunft zusammen. Ein Kurzporträt von Ortsvorsteherin Susanne Serke.
Der Ettinghausenplatz im Herzen der Höchster Altstadt trägt einen Namen, der verpflichtet. Er erinnert an die Familie Ettinghausen – eine angesehene jüdische Familie, die über Generationen hinweg Teil des Höchster Lebens war, ehe die nationalsozialistische Gewaltherrschaft diese Existenz zerstörte. An dieser Stelle stand einst auch die Höchster Synagoge, die 1938 während der Pogrome zerstört wurde. Wer heute über den Platz geht, ist damit an einem Ort, der untrennbar mit der Geschichte jüdischen Lebens und seiner Vernichtung verbunden ist. Diese Erinnerung macht den Platz zu einem besonderen Ort der Verantwortung. Er zeigt uns, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern täglich verteidigt und gelebt werden muss.
Höchst war stets ein Ort der Begegnung. Kaufleute, Handwerker, Familien, Menschen aus vielen Ländern der Welt – sie alle haben hier Spuren hinterlassen. Der Ettinghausenplatz ist Teil dieser lebendigen Höchster Geschichte. Dass der Pavillon der Demokratie 2024 hier Station gemacht hat, war deshalb ein starkes Symbol: Demokratie ist nicht abstrakt, sie entsteht dort, wo Menschen zusammenkommen, miteinander reden, streiten und Kompromisse suchen. Sie lebt in unserem Alltag und in den Räumen, die wir gemeinsam gestalten.
Doch der Ettinghausenplatz ist nicht nur ein Ort der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart – und der offenen Fragen. Seit Jahrzehnten wird über seine Neugestaltung diskutiert. Wettbewerbe wurden ausgelobt, Bürgerinnen und Bürger beteiligt, ein Entwurf prämiert. Doch umgesetzt ist bis heute wenig. Dass Entscheidungen verschleppt, Pläne überarbeitet und Finanzierungen immer wieder aufgeschoben wurden, ist ein Problem – und ein Lehrstück darüber, dass Demokratie auch Verbindlichkeit und Verlässlichkeit braucht.
Diese Debatte zeigt aber auch, wie Demokratie funktioniert: Sie zwingt uns, Interessen abzuwägen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Verantwortung zu übernehmen. Ebenso deutlich wird jedoch: Demokratie verliert an Glaubwürdigkeit, wenn Ergebnisse auf sich warten lassen. Wer Beteiligung ernst nimmt, muss auch sichtbar handeln.
Der Ettinghausenplatz ist damit ein Prüfstein: Gelingt es, den historischen Ort würdig zu gestalten und zugleich einen lebendigen Platz für die Zukunft zu schaffen.
Der Ettinghausenplatz selbst hat eine lange Geschichte. Bereits im Mittelalter war er Teil der äußeren Stadtbefestigung; der sogenannte Hinterturm der Stadtmauer stand hier, später befand sich an dieser Stelle die „Judenschule“. Im 19. Jahrhundert entstand die neue Synagoge, die der wachsenden jüdischen Gemeinde ein Zuhause gab – bis sie 1938 zerstört wurde. Nach dem Krieg blieb der Platz lange Zeit eine Brache, ehe er zur heutigen offenen Fläche wurde. Diese Schichten von Geschichte – vom Wehrbau über religiöses Zentrum bis hin zum öffentlichen Raum unserer Tage – prägen seine Identität bis heute.
Die jüdische Geschichte des Platzes ist Mahnung: Sie zeigt uns, wohin es führen kann, wenn Demokratie zerstört wird. Seine Gegenwart ist Herausforderung: Wie schaffen wir einen Raum, der sowohl erinnert als auch verbindet? Und seine Zukunft ist Chance: einen Platz zu gestalten, der zeigt, dass Demokratie sichtbar werden kann – in Stein, in Begegnung, im gemeinsamen Alltag.
So ist der Ettinghausenplatz ein Spiegel unserer Stadtgesellschaft: verwurzelt in Geschichte, geprägt von Diskussion, offen für Zukunft. Wie wir mit ihm umgehen, sagt viel darüber aus, wie wir Demokratie verstehen – und leben.
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Susanne Serke
139 Ideen
In unserem Stadtteil-Häuschen fragten wir: Was wünscht Du Dir für Dein Viertel? Einige Ideen wurden besonders oft genannt – wie diese hier. Ein Überblick.
Begegnung im Alter?
Wir sagen ja!
Der interkulturelle Seniorentreff OASI in Höchst ist zugänglich, lebendig und kulturell bunt – mit Frühstücksrunden, Ausflügen, Tanz- und Sprachgruppen. Ehrenamtliche gestalten mit. OASI ist ein Erfolgsbeispiel für Teilhabe im Alter – mitten im Quartier.
Interkulturelle Teilhabe
Wir sagen ja!
Das Projekt „Bunter Tisch – Höchst miteinander“ bringt seit 2008 verschiedene Menschen zusammen. Mit Gesprächen, Lesungen und Festen fördert er Respekt, Austausch und Teilhabe – für ein Höchst, das Vielfalt nicht nur duldet, sondern lebt. Und: Nur ein Beispiel von vielen.
Deutsch lernen in Höchst?
Wir sagen ja!
Die AWO hat mehrere Integrationskurse in Höchst im Angebot – mit Alphabetisierung und Deutsch ab dem Niveau „Modul 1“. Kurse gibt es montags bis freitags, vormittags sowie abends. So ist Teilhabe durch Sprache auch lokal möglich.
Autofreie Zone am Höchster Markt?
Wir sagen: Leider noch nicht umsetzbar.
Die Diskussion um die Antoniterstraße läuft: Vorschläge wie mobile Bänke oder temporäre Sperrungen liegen vor. Die Debatte ist offen, ein erster Kompromiss mit Marktbeschicker:innen steht noch aus. Doch die Probleme sind erkannt.
Ein sauberes Höchst?
Wir sagen: Wir sind dran.
Trotz verstärkter Reinigung durch die FES bleibt Müll vielerorts sichtbar – besonders an Plätzen und Wegen. Laut FES ging die Zahl der Beschwerden im Westen Frankfurts zwar um 90 % zurück (Stand Mai 2025), doch das Ziel eines wirklich sauberen Stadtteils ist noch nicht erreicht. Auch Sperrmüll bleibt ein großes Problem. Hoffnung macht: Es tut sich was.
Macher:innen
Initiativen und Menschen aus Höchst.
Hausprojekt Gündi West/ Project Shelter
Das selbstverwaltete solidarische Hausprojekt „Gündi West“ bietet geflüchteten, wohnungs-und obdachlosen Menschen sicheren Wohnraum. Neben Schlafplätzen gibt es Rechts-und Sozialberatung, Küche für Alle, Werkstätten und Kulturabende. Das Haus wird durch kollektive Entscheidungsstrukturen verwaltet und möchte einen Schutzraum schaffen, in dem Betroffene Fähigkeiten teilen, politisches Bewusstsein stärken und gemeinsam für ihr „Recht auf Stadt“ streiten.
Bunter Tisch
Henning Brandt
Die Initiative „Bunter Tisch – Höchst Miteinander“ will gute Kontakte und Beziehungen zwischen den in Höchst lebenden Menschen herstellen und gleichzeitig auch die ansässigen Vereine, religiösen Gemeinden und Institutionen miteinander ins Gespräch bringen. Die Initiative organisiert Diskussionsveranstaltungen, Feste und Projekte und unterstützt andere Stadtteilangebote. Ziel ist es Begegnungen entstehen zu lassen, die ein Miteinander bewirken.
Initiative Ettinghausen-Platz
Waltraud Beck
Die Initiative setzt sich seit langer Zeit und unermüdlich für die Erinnerung an die frühere Synagoge am Ettinghausenplatz ein. Nachdem Wettbewerbsergebnisse schon vor einiger Zeit vorgestellt wurden, geht es nun endlich voran – vorerst mit einem Plan B, der die Schichten der Geschichte des Ettinghausenplatzes sichtbar macht. Dem Engagement der Initiative sei dank.
Najima El Hadouchi
Die Frankfurter Journalistin, Moderatorin, Filmemacherin und Kinderbuchautorin Najima El Hadouchi arbeitet aktuell in der Presse-und Öffentlichkeitsarbeit für einen feministischen Dachverband. In ihren Lesungen lässt sie Kinder mit Migrationsbiografie und andere marginalisierte Perspektiven sichtbar werden und bestärkt sie darin, ihre eigenen Stimmen zu finden. Ihr Programm gestaltet kindgerecht, empowernd und voller Fantasie. Beim Pavillon sprach sie über das Thema Empowerment und Repräsentanz von People of Color.