Offene Räume
Wie kann Demokratiebildung in der Schule funktionieren? Beispiele aus der Carlo-Mierendorff-Schule von Bertan Tufan.
Erlauben Sie mir, zu schildern, welche Erfahrungen eine der ältesten integrierten Gesamtschulen Frankfurts, die Carlo-Mierendorff-Schule, die seit 2022 auch eine gymnasiale Oberstufe vorzuweisen hat, bei dem Thema „Demokratiebildung“ in Zeiten von sogenannten Polykrisen machen durfte.
Die Demokratie sei die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts, so Michel Friedman in seiner Rede zur Gedenkstunde im Hessischen Landtag zum 50. Todestag von Oskar Schindler.
1922 schrieb Carlo Mierendorff, der von 1926 bis 1928 Pressereferent des hessischen Innenministers Wilhelm Leuschner im Hessischen Landtag war und auch ein enger Vertrauter Leuschners, nach dem Attentat rechter Terroristen auf den Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau, eine Schrift. Darin wandte er sich gegen die, wie er es nannte, „gemeingefährliche Hetze der deutsch-völkischen Partei“ – die DNVP, die am 30. Januar 1933 mit der NSDAP koalierte – sowie deren „Mord- und Totschlagpropaganda“. Mierendorff warnte vor der Agitation der Antisemiten, die sich „gegen Juden, aber auch gegen jeden Bekenner des demokratisch-republikanischen Gedankens“ richtete.
27. Dezember 2023: Michel Friedman war auf Initiative und zusammen mit der Bürgermeisterin Eskandari-Grünberg an der Carlo-Mierendorff-Schule zu Gast.
Anlass war der terroristische Anschlag der Hamas auf Israel und der wachsende bzw. offene Antisemitismus, der sich auch in unserer Stadtgesellschaft zeigt.
Wir, unsere Schulgemeinde, durften durch das offene Format – es war eine „Fishbowl-Diskussion“ – an diesem noch „jungen“ Ort, unserem neuen Oberstufengebäude, eine Initialzündung erleben. In einer solchen Art der Diskussion sind die Zuhörer:innen jederzeit eingeladen, das Wort zu ergreifen, den Gästen Fragen zu stellen, sie mit eigenen Überlegungen zu konfrontieren. Die Expert:innen ihrerseits begegnen ihnen auf Augenhöhe – eine für unsere Schüler:innen wichtige Erfahrung: Sie nehmen am demokratischen Diskurs teil und werden ernst genommen.
Eine Initialzündung, die uns hautnah erleben ließ, wie Demokratie bzw. wie demokratische Debatten funk-tionieren – und wie wir uns gegen den Hass stellen, der uns alle betrifft, und nicht nur die, auf die er explizit [offenkundig] zielt. So hatte es auch Carlo Mierendorff formuliert.
Der Besuch der Bürgermeisterin Eskandari-Grünberg und des Publizisten Friedman zeigte, dass unsere Schule ein Ort einer demokratischen Debatte ist.
Ein Ort, an dem wir empathisch und respektvoll über konflikthaltige Themen diskutierten: Über Antisemitismus, den Krieg und das Leid in Gaza und die Situation der Palästinenser:innen.
Ein Ort, an dem wir einen elementaren Bestandteil der Demokratie alle miteinander vorgelebt haben. Deswegen komme ich zu meinem ersten Punkt:
Ob Fishbowl-Diskussion oder eine Speakers Corner – Schule darf und soll in Zeiten von Paralleldiskussionsplattformen wie TikTok immer im Sinne einer dialogischen und grenzziehende Bildung, wie es Prof. Stefan Müller von der Frankfurt University of Applied Sciences beschreibt, Räume bieten. Räume bieten zu streiten, zu diskutieren, aber auch die eigene Sprachlosigkeit kundzutun bzw. in diesen Räumen auch aufgefangen zu werden.
In der Diskussion äußerten sich Eskandari-Grünberg und Friedman dazu, dass sie „Judenhass“ genau so etwas angehe wie ein Angriff auf eine Hijab-tragende Frau.
Dass dies keine Worthülsen waren, zeigte die Bürgermeisterin, die selbst Fluchtgeschichte vor einem islamistischen Regime vorweist, wiederholt in den letzten Jahren; sei es z. B. im Rahmen der Diskussionen über den Bau einer Moschee, in der sie immer auf die demokratischen Menschen- und Bürgerrechte von Muslim:innen verwies, sei es in ihrer engen Verbundenheit mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurts – oder durch die Einrichtung der Stabsstelle Antidiskriminierung.
Der Wert der Empathie und Solidarität wird in dem neuen Buch „Gemeinsinn: Der sechste, soziale Sinn“ von Aleida Assmann und dem mittlerweile verstorbenen Jan Assmann hervorgehoben und als „sozialer Sinn bezeichnet.
Diese Qualitäten zeigen nach den Assmanns, wie ein ausgeprägter Gemeinsinn in Form von Empathie und Solidarität zu einem besseren Miteinander führen kann, indem er das Verständnis und die Unterstützung für andere stärkt.
Friedman und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, waren die einzigen Repräsentanten religiöser Verbände – ganz zu schweigen von damaligen Vertreter:innen der Bundespolitik – die nach den Pogromen 1992 an sogenannten vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen und vor allem geflüchteten Rom:nja in Rostock-Lichtenhagen, Haltung gezeigt – den Ort der rassistischen Übergriffe aufgesucht und Empathie und Solidarität gezeigt haben.
Ignatz Bubis gab kurz vor seinem Tod den Journalisten Michael Stoessinger und Rafael Seligmann ein Interview, das oftmals als sein Vermächtnis eingeordnet wird. Auf die Frage, was er als Präsident des Zentralrats bewirkt habe, antwortete er:
„Im Grunde genommen meine ich heute, daß ich die Falschen besucht habe.“ Resigniert stellte er fest, er hätte, obwohl er „hunderttausend junger Menschen direkt angesprochen“ habe, „nichts bewirkt“.
Die Shoah-Überlebenden Ida und Ignatz Bubis bleiben auf ihren Plätzen sitzen, verweigern demonstrativ und aus Protest dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels die Ehre – während sich um sie herum das Publikum erhebt und Martin Walser applaudiert.
Walsers (Dankes-)Rede von der „Moralkeule Ausschwitz“ und dem Berliner Holocaustdenkmal als der „Monumentalisierung unserer Schande“ kann auch als Zäsur, als Ausweitung der Grenze des Sagbaren betrachtet werden. Zwanzig bzw. 25 Jahre später ist nicht mehr die Rede von der „Monumentalisierung unserer Schande“, sondern von einem „Denkmal der Schande“, nicht mehr von der „Moralkeule Ausschwitz“, sondern, wie in einem Deutschrap-Song, von Körpern, die „definierter“ seien als die „von Auschwitzinsassen“.
Das Stilmittel des kalkulierten Tabubruchs der radikalisierten Antidemokrat:innen wird mittlerweile nicht mehr nur unter anderem von Vertreter:innen des Deutschraps, wie es der Skandal um die Echo-Verleihung 2018 konkret aufzeigte, propagiert, sondern auch explizit von jungen Influencer:innen in den Sozialen Medien.
Gruppenbezogener Menschenhass, der sich, auch getriggert durch Algorithmen, in Form von Fake-News oder als Verschwörungsmythen in kurzen Clips oder Share-Pics offenbart, ist gang und gäbe in den Timelines junger Menschen, die Plattformen wie TikTok oder Instagram tagtäglich als einzige Informationsquelle nutzen.
Kein Vergleich zu den drei TV-Programmen, mit denen die meisten von uns aufgewachsen sind.
Diese Phänomene, diese Mechanismen und auch die Sprache der Antidemokrat:innen in Zeiten von Polykrisen zu erkennen und zu bekämpfen, ist nicht allein die Angelegenheit von jungen Menschen und von spezialisierten Aufklärungsplattformen. Es sollte eine An-gelegenheit der Öffentlichkeit und insbesondere der Schulen sein. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen sollte Gegenstand der Lehrkräftebildung in der ersten (universitären) und zweiten Phase der Ausbildung sein. Denn die Aussage von Bubis lautet vollständig:
„Im Grunde genommen meine ich heute, dass ich die Falschen besucht habe. Ich hätte nicht die Schüler, sondern die Lehrer aufsuchen müssen.“
Wir, und damit meine ich nicht nur diejenigen, die das Fach Politik und Wirtschaft unterrichten, sind die Vorbilder und Multiplikator:innen demokratischer Werte.
Ich frage mich oft, wie Bubis den heutigen Zustand unserer Demokratie einschätzen würde.
„Keine Frau ist frei, wenn nicht alle Frauen frei sind“.
Den letzten Schultag vor den Herbst-ferien 2024 machen viele Schüler:innen zu einem besonderen Tag: Sie feiern am Roßmarkt gemeinsam den Internationalen Mädchentag. Die Kundgebung und die anschließende Demonstration, die vom Frauendezernat zum zwölften Mal organisiert wurde, wendet sich gegen jede Form der Diskriminierung.
Zwei mir bekannte Schüler:innen moderieren und stehen auf der Bühne. Zwei Schüler:innen, die regelmäßig das Angebot von „Kosi“ nutzen. „Kosi“ ist ein Rückzugsort für Mädchen und junge FLINTA*.
Ein sicherer Raum – ein sogenannter „Safer Space“ nahe der Zeil. Die Zeil, ein Ort, der eben nicht immer sicher ist, vor allem, wenn man weiblich bzw. FLINTA* ist. Ein Thema, mit dem sich die Stabstelle Antidiskriminierung der Bürgermeisterin u. a. auch in Form eines Aktionsplans befasst hat – und dass sie auch im Rahmen der Woche der Menschenrechte im Dezember 2023 stadtweit thematisiert hat.
Die Carlo-Mierendorff-Schule profitierte von dem Angebot der Stabsstelle und vor allem von der Expertise und dem Weitblick ihrer Leiterin, Dr. Harpreet Cholia die es meiner Klasse bzw. meinem Politik-Leistungskurs ermöglichte, an einem Workshop zum Thema „Geschlechteridentitäten“, geleitet von Susanna Thorner, teilzunehmen. Demokratiebildung kann und sollte nicht ausschließlich innerhalb des Schulgebäudes stattfinden.
Außerschulische Partner, ob Stiftungen, gemeinnützige Organisationen oder Verbände, bieten wichtige Perspektiven und Ressourcen, um das Thema Demokratie multiperspektivisch, praxisnah und lebendig zu gestalten.
Programme zur außerschulischen Bildung ermöglichen es den Schüler:innen, Demokratie außerhalb der Parallelwelt und Filterblase auf TikTok zu erfahren, sei es durch Exkursionen in politische Institutionen oder in die Paulskirche – Frau Bürgermeisterin, in dem Zusammenhang darf ich nicht zu laut „spoilern“, dass sich ihr Gastbeitrag in der FAZ hervorragend als Klausurentext zum Thema „1848er-Revolution“ eignet – oder explizit Workshops mit Expert:innen.
Sie unterstützen vor allem auch Lehrkräfte, die in einem Schulalltag, der sich durch die Corona-Pandemie mit ihren Herausforderungen stark verändert hat, an die Grenze der Belastbarkeit gekommen sind.
Diese außerschulischen Erfahrungen sind von unschätzbarem Wert und ergänzen die schulische Bildung um konkrete, lebensnahe Einblicke in die Funktionsweise demokratischer Systeme.
Dass „meine“ LK-Schülerin, gerade mal volljährig, eine amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin, nämlich namentlich Audre Lorde, zitiert, was sogar in einem Artikel der FAZ vom 12. Oktober 2024 aufgegriffen wird, hat sie – ich würde gerne anderes behaupten – nicht in meinem Politik-Unterricht gelernt.
Zum Ende meines Textes möchte ich mich an die jungen Menschen wenden. Die Corona-Pandemie hat viele von ihnen in eine Situation geführt, die unter anderem eine große Unsicherheit, Einschränkungen und auch psychische Belastungen mit sich brachte. Sie mussten auf sehr vieles verzichten. Sie mussten auf soziale Kontakte verzichten, sie mussten mit neuen Formen des Unterrichtens zurechtkommen – viele Ihrer Lehrkräfte auch – und sich immer und immer wieder an neue Regelungen anpassen.
Ich war und bin immer noch sehr beeindruckt davon, wie die jungen Menschen diese Herausforderungen in jungen Jahren bewältigt haben. Diese Herausforderungen und Erfahrungen haben sie auch gestärkt und – so mein Eindruck – bei vielen eine Widerstandsfähigkeit entstehen lassen, eine Resilienz, die sie jetzt in eine Lage versetzen kann, auf die Versuchungen einfacher Antworten und autoritärer Lösungen kritisch zu reagieren und dem Dialog, den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu vertrauen.
Die diesjährige Trägerin des Friedens-preises des Deutschen Buchhandels, Anne Applebaum, zieht in dem Epilog ihres Buches „Die Achse der Autokraten“ folgendes Fazit:
„Freiheitliche Gesellschaften können zerstört werden, von außen genauso wie von innen, durch Kriege und durch Demagogen. Oder sie können gerettet werden – aber nur, wenn die von uns, die in ihnen leben, sich die Mühe machen, sie zu retten.“
Liebe junge Menschen, liebe Lernende: Lassen Sie uns – angesichts der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts, wie sie von Michel Friedman beschrieben wird – mit Ihrer Empathie, Solidarität und Resilienz gemeinsam die Mühen auf uns nehmen, um den Erhalt unserer Demokratie zu schützen.