Erfahrungen eines alten Herrn
Von Problemen und Lösungen. Ein Stadtspaziergang von Nader Djafari.
Es ist ein kühler Herbstmorgen in Frankfurt, als Mehrdad durch die Straßen seines Viertels spaziert. Mit ruhigem Blick betrachtet er die vertrauten Häuser, den Wochenmarkt, die Menschen, die geschäftig ihren Alltag leben. Für ihn ist Frankfurt längst mehr als nur ein Wohnort – es ist seine Stadt.
1958 kam er als junger Mann an den Main. Er lernte die Stadt kennen, während sie noch gezeichnet war von den Folgen des Krieges, aber zu-gleich voller Energie, wieder aufzubauen. Seitdem hat er Frankfurt nicht mehr verlassen. „Ich habe andere Städte gesehen, auch im Ausland“, erzählt er. „Aber hier bin ich zu Hause trotz aller Probleme, die es gibt.“
Und Probleme, das weiß Mehrdad, hat Frankfurt reichlich: steigende Mieten, Verkehrschaos, soziale Spannungen. Aber wenn er von seiner Stadt spricht, tut er es mit Wärme, denn was ihn immer wieder begeistert, sind die Menschen.

Der Schatz des Ehrenamts
„Die Frankfurterinnen und Frankfurter haben Tatendrang“, sagt er. „Sie packen an, sie sind engagiert und unglaublich kreativ.“ Besonders stolz ist er auf eine Zahl: Mehr als 200.000 Menschen in Frankfurt sind ehrenamtlich aktiv – fast ein Drittel der Bevölkerung. „Das ist ein Schatz, den man nicht hoch genug schätzen kann.“
Für Mehrdad ist dieses Engagement Ausdruck einer besonderen städtischen Kultur. Frankfurt sei reich an Vielfalt: Menschen aus über 180 Nationen leben hier, mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Werten und Vorstellungen. „Natürlich führt das auch zu Konflikten“, meint er. „Aber gerade darin liegt eine Chance. Vielfalt zwingt uns, miteinander zu reden.“
Eine Stadt der Händler und des Dialogs
Dass Frankfurt damit umgehen kann, hat für Mehrdad historische Gründe. „Seit Jahrhunderten war Frankfurt eine Handelsstadt. Waren und Menschen aus aller Welt kamen hierher. Und um Handel zu treiben, muss man verhandeln, zuhören, Kompromisse schließen.“
Für ihn ist das nicht nur ein ökonomischer Mechanismus, sondern eine kulturelle Tradition. „Die Bereitschaft zum Dialog – das ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.“ Demokratie und fairer Diskurs gehören für ihn untrennbar zusammen.
Demokratie im Alltag
„Demokratie bedeutet: Jede Stimme zählt. Jeder hat das Recht, gehört zu werden“, sagt Mehrdad. Doch das funktioniere nur, wenn die Menschen respektvoll miteinander umgehen. „Niemand darf den anderen herabwürdigen. Man muss die Argumente ernst nehmen, auch wenn sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen.“
Ein konstruktiver Dialog brauche Transparenz, Nachvollziehbarkeit und die Bereitschaft, Kritik anzunehmen. „Und es braucht die Fähigkeit, das eigene Interesse manchmal hintenanzustellen – zugunsten des Gemeinwohls.“
Doch genau daran hapere es manchmal. „Zu viele denken zuerst an sich selbst. Egoismen blockieren die Stadtgesellschaft. Das ist die Eine-Million-Euro-Frage: Wie überwinden wir das?“ Eine Antwort könnte sein: „Je mehr Menschen lernen, eine respektvolle und ergebnisorientierte Gesprächskultur zu praktizieren, desto größer ist die Chance auf Kompromisse.“
Die Rolle der Stadtpolitik
Dabei schaut Mehrdad auch auf die Politik. „Die Stadt muss den Rahmen setzen“, sagt er. Vor allem Transparenz sei entscheidend: Wie werden Entscheidungen getroffen? Über welche Kanäle erfahren Bürgerinnen und Bürger davon? „Und: Gibt es überhaupt Orte, an denen man diskutieren und mitreden kann?“
Zentrale Orte wie die Paulskirche oder der Kaisersaal im Römer seien wichtig, doch sie reichten nicht aus. „Wir brauchen Räume auf Stadt-teilebene. Niedrigschwellig, offen, für alle zugänglich. Orte, an denen Menschen ihre Interessen einbringen können – sei es zum Verkehr, zum Wohnungsbau oder zu Grünflächen.“
Pavillons der Demokratie
Mit sichtbarer Freude spricht Mehrdad über ein Projekt, das genau das versucht: die „Pavillons der Demokratie“, eine Initiative der Frankfurter Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg. Seit 2024 werden die mobilen Pavillons in verschiedene Stadtteile aufgestellt. Dort entstehen für zwei Tage lebendige Foren des Austauschs – gemeinsam organisiert von Ortsbeiräten, Schulen, Vereinen, Initiativen.
Es gibt Präsentationen, Diskussionen, Musik, Kultur. Menschen begegnen sich, sprechen miteinander, entdecken Neues in ihrer Umgebung. „Ehrenamtliche und Profis arbeiten Seite an Seite, Netzwerke entstehen, Ideen wachsen“, erzählt Mehrdad. Er selbst hat an mehreren Pavillons teilgenommen – und ist begeistert. „Das ist gelebte Demokratie.“
Mehrdad bleibt optimistisch
Für den alten Herrn ist klar: Demokratie ist kein fertiges Konstrukt, sondern ein Prozess. „Man muss sie leben, immer wieder neu. Und das gelingt nur im Dialog sowie wenn man bereit ist, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen.“ Frankfurt, glaubt er, bringe die besten Voraussetzungen dafür mit – durch seine Vielfalt, seine Geschichte, seine Menschen, die Verantwortung übernehmen für die Gestaltung ihrer Stadt.
„Wenn wir weiter lernen, respektvoll miteinander zu reden, werden wir die Stadtgesellschaft stärken“, sagt er. „Und dann wird Frankfurt für seine Bürger nicht nur attraktiver und bunter – sondern auch demokratischer.“