Demokratie erleben

Die Begeisterung für Demokratie sollte in der Kindheit gelegt werden. Doch dabei ist noch viel Luft nach oben. Von Amira Esposito.

Als ich aufgewacht bin und die Wahlergebnisse gesehen habe, wusste ich, dass es ein schwarzer Tag ist für die US-Demokratie und für die Demokratien weltweit. Ein Mann, der die Demokratie am liebsten abschaffen würde, hat mit Hass und Lügen die Wahl gewonnen. Die Wahl damals hat uns gezeigt, wie wichtig es ist um unsere Demokratie zu kämpfen und sie zu schützen. Und dafür ist es wichtig, schon in der Schule anzusetzen.

Demokratie darf kein abstraktes Konzept sein, Demokratie muss etwas sein, das wir täglich leben und erleben. Und dass muss schon in den Schulen, eigentlich sogar im Kindergarten, anfangen. Doch die Realität in vielen Schulen sieht anders aus:

Viele Schüler:innen erleben die Schule als einen hierarchischen Ort an dem der Unterricht „von oben herab“ gestaltet wird und das System stark auf Leistungsdruck und Wettbewerb ausgelegt ist. Anstatt sich auf gemeinsames Lernen und Teamarbeit zu konzentrieren, stehen Wettbewerb und der Versuch, andere zu übertreffen, im Vordergrund.

Das muss sich ändern, wir müssen weg von einem System, das Leistungen ausschließlich durch Noten misst. Wir brauchen ein Schulsystem, das gemeinsames Lernen, Hilfsbereitschaft und persönliche Stärken fördert. 

Hinzu kommt, dass in der Schule der Fokus hauptsächlich auf dem Abarbeiten des Lehrplans liegt, für echtes demokratisches Erleben lässt dieser keinen Platz.

Dabei ist gerade dieses aktive Erleben der Demokratie so wichtig. Denn um Demokratie schätzen zu lernen, muss man ihre Stärken erleben: Mitbestimmung, Vielfalt, Gleichberechtigung und Freiheit. Ohne dieses aktive Erleben bleibt Demokratie oft eine leere Worthülse. Das ist eine Gefahr, denn wer nicht versteht, wie wichtig Demokratie ist, wird sich nicht dafür einsetzen, sie zu erhalten. Demokratie kann erlebbar werden, indem wir uns zum Beispiel gemeinsam und nicht in Konkur-renz gegeneinander Wissen erarbei-ten, indem Lehrer:innen und Schüler:innen sich wertschätzend begegnen. Wichtig ist gerade jungen Menschen zu vermitteln: Wir sind alle gleich, wir sind alle wertvoll, wir schätzen und respektieren uns gegenseitig. Erleben ist wichtiger als sich theoretisches Wissen über Demokratie anzueignen. Erleben bedeutet auch, Schüler:innen mitentscheiden zu lassen. Das gibt es schon in Ansätzen: In den SV-Stunden, Klassensprecher:innen, Schulsprech-er:innen. Doch bezüglich der Dinge, bei denen Schülervertreter:innen mitbestimmen können, ist noch viel Luft nach oben.

Bereits in der Grundschule sollte man anfangen Demokratie erlebbarer zu machen und das ist möglich:

Ich habe etwa ein Praktikum in einer Grundschule, der Wallschule in Langen gemacht, dort gab es ein Schülerparlament, die Vertreter:innen der Klassen waren dabei die Klassensprecher:innen. Die Schüler:innen haben über Probleme wie verschmutzte Toiletten geredet und Lösungsansätze gesammelt. Außerdem haben sie den Ablauf des Faschingsdienstages geplant. Dieses Beispiel zeigt, dass man auch schon sechs-, sieben- oder achtjährige Kinder mitentscheiden lassen kann und sich ihre Meinungen und Ideen anhören kann.

Wichtig ist daher ein Schulsystem, das es ermöglicht, dass Schüler:innen sich einbringen können und ihre Meinungen und Ideen wertgeschätzt werden.

Ein anderes gravierendes Problem im Schulalltag ist der Umgang mit rechtsextremen, frauenfeindlichen oder anderen intoleranten Meinungen. Es kommt vor, dass Schüler offen gegen Geflüchtete hetzen und sich für vollständige Grenzschließungen aussprechen. Auch habe ich schon erlebt, dass Frauenrechte infrage gestellt werden. Eine Aussage von einer Mitschülerin ist mir besonders in Gedanken geblieben, sie sagte „sie sei für Frauenrechte, aber nicht für zu viele Frauenrechte“. Da frage ich mich, was sollen denn zu viele Frauenrechte sein, in einer Gesellschaft in der Frauen immer noch diskriminiert werden, gibt es nicht „zu viele Frauenrechte“. Diese Aussage hat mich wirklich erschreckt, vor allem weil sie von einer jungen Frau gekom-men ist. Und diese rückschrittlichen, intoleranten Ansichten sind kein Einzelfall. Das sehen wir an den Europawahlergebnissen (17 Prozent haben die AfD gewählt). Und wir sehen das an der Shell-Studie, laut der sich insbesondere männliche Jugendliche politisch nach rechts bewegt haben. Auch weltweit scheint Frauenhass im Trend zu sein, in den USA wurde heute ein Mann gewählt, der Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren eigenen Körper abspricht. Und auch in Deutschland gibt es Parteien, die genau das machen wollen.

Dieser Trend ist beunruhigend und es ist notwendig, darauf aktiv zu reagieren. Dabei reicht es nicht, darauf zu warten, dass solche Aussagen im Unterricht fallen, da sie meistens in privaten Gesprächen fallen.

Die Personen, die sich intolerant geäußert haben, bekommen so nicht mit, wie schädlich ihre Aussage ist.

Um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Intoleranz und Diskriminierung falsch sind, muss es in den Schulen Workshops und Aufklärungsarbeit zu wichtigen politischen Themen geben. Kindern und Jugendlichen muss von Klein auf Toleranz und Gleichberechtigung vermittelt werden beziehungsweise sie muss in der Schule gelebt werden. Dabei darf man nicht warten, dass einem intolerante Äußerungen auffallen, sondern es muss präventiv gehandelt werden, bevor sich intolerante, demokratiefeindliche Meinungen festsetzen. Dazu muss die Demokratiebildung früh beginnen, am besten schon in der Grundschule. Häufig heißt es, das hänge mit dem Familienhintergrund zusammen, aber wenn wir politische und Demokratiebildung ins Private verlegen, dann haben wir verloren. 

Lehrer:innen kommt eine große Vorbildfunktion zu. Wenn in Schulen Gleichberechtigung gelebt wird, dann kann das einen bedeutenden Eindruck hinterlassen und zu einem Umdenken beitragen.

Deswegen brauchen wir aktive Demokratiebildung von der Grundschule an und regelmäßige Workshops zu aktuellen politischen Themen.

Eine weitere Grundlage der Demokratie ist eine repektvolle Diskussionskultur, denn Demokratie lebt von verschiedenen Meinungen, doch diese müssen in einem respektvollen Diskurs ausgetauscht werden. Rassistische, frauenfeindliche oder anderweitig intolerante Meinungen, sind dabei keine legitimen Meinungen. Das Verständnis einer Diskussionskultur muss Teil der schulischen Bildung sein. Denn es fällt zunehmend auf, dass viele Diskussionen nur noch von Lautstärke und Ignoranz geprägt sind.

Anstatt Argumente sachlich und mit Fakten zu belegen, wird nach dem Prinzip „ich fühle etwas und deswegen ist es so“ argumentiert. Dabei sollten Argumente auf Fakten und nicht auf Gefühlen oder subjektiven Eindrücken basieren.

Vor allem in einer Zeit, in der populistische Parteien immer mehr an Einfluss gewinnen und sich viele von den Fakten entfernen, ist es umso wichtiger, eine faktenbasierte Argumentationskultur zu fördern.

Unmittelbar damit verknüpt ist die Medienkompetenz, es gibt bereits Schulen, die diese fördern und das ist auch richtig so. Wir leben in Zeiten , in denen Populisten und Rechtsextreme gezielt Falschinformationen auf Social Media verbreiten. Es ist wichtiger denn je, dass Schüler:innen lernen, Fake-News und populistische Aussagen zu erkennen. Es sollte gefördert werden, dass sich Schüler:innen über seriöse Quellen informieren, wie Zeitungen oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und nun höre ich schon die Stimmen, die sagen, dass all dies nicht die Aufgabe der Schulen sei oder dass die Schulen ohnehin schon überlastet seien. All dies sind jedoch nur vorgeschobene Argumente, um sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Denn letztendlich ist die Schule der einzige Ort, an dem alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden können. Damit ist die Schule der beste Ort, um jungen Menschen die Vorteile der Demokratie zu vermitteln und ihnen zu zeigen, warum es so wichtig ist, diese zu schützen. Denn wo soll dies geschehen, wenn nicht in der Schule?

Und mir ist bewusst, dass dies auch eine Reform des Bildungssystems bedeutet, da neue Aufgaben hinzukommen und sich das ganze System Schule anders ausrichtet. Aber wenn ihr mich fragt ist das ein Beitrag, den der Staat zur Erhaltung der Demokratie leisten muss. Es ist die Verantwortung des Staates und der Schulen, die Demokratie zu schützen und weiterzugeben.

Wichtig sind ein Schulsystem, das sich vom Leistungsdruck und Wettbewerb abwendet und Raum für Toleranz und Gemeinschaft schafft. Der Schulalltag sollte so gestaltet werden, dass Demokratie erlebbar gemacht wird. Zusätzlich sollte eine differenzierte politische Bildung über aktuelle politische Themen in Form von Aufklärungsarbeit und Workshops stattfinden. Eine respektvolle und faktenbasierte Diskussions- und Argumentationskultur sollte gefördert werden und ein Umgang mit populistischen Inhalten und Falschinformation sollte im Rahmen einer gewissen Medienkompetenz vermittelt werden.

Dass dies in den Schulen stattfindet ist essenziell, denn die jungen Menschen sind die Zukunft, ihnen muss gezeigt werden, dass eine progressive, tolerante und gleichberechtigte Welt die schönste ist und dass man für diese Werte einstehen muss.